Kämpfe gegen Vaesen

Warum biete ich eigentlich ein Kampfsystem für ein Spiel an, wenn Kämpfe gar nicht zu gewinnen sind? Es ist bei Vaesen meiner Meinung nach nur eine relativ komplexe Zufallstabelle: Wen erwischt es als erstes und wie? Eine art Doomclock. Mir erschließt sich nicht, warum man den Kampf in Systemen wie Vaesen nicht gleich erzählerisch löst.

Wie sind die Regeln?

Wie läuft ein Kampf in Vaesen ab? Nicht groß anders als in anderen Spielen. Erst die Initiative, dann folgen Runden mit schnellen und langsamen Aktion. Die schnelle Aktion kann auch als Reaktion genutzt werden, also beispielsweise als Parade. Angriffe werden als vergleichende Proben mit W6 Würfelpools abgehalten. Ein Ableger der Year Zero Engine. So weit, so bekannt.

Interessanter wird es, wenn wir ins Detail schauen:

Die Initiative

Die Reihenfolge wird durch das Ziehen von Karten von 1-10 festgelegt. Werte des Charakters haben hier keinen Einfluss. Die Zugreihenfolge kann durch besonders gute Würfe verändert werden, bleibt ansonsten aber über den gesamten Kampf gleich. Hier fällt mir bereits eine gewisse Willkürlichkeit auf.

Angriffe

Angriffe erfolgen durch vergleichende Probe der drei Fähigkeiten: Kraft, für waffenlose Attacken, Nahkampf und Fernkampf gegen die Beweglichkeit (Ausweichen) oder Nahkampf (Parade). Spezialisierungen oder spezielle taktische Manöver gibt es keine. Einige Archetypen können Kampftalente erhalten, die auf einzelne Angriffe +2 Würfel bieten oder eine zusätzliche Karte bei der Initiative.

Ein Erfolg reicht, um zu treffen und den Waffenschaden zu verursachen. Ein Wert, der in der Regel zwischen 1 und 3 liegt.

Ausweichen und Parade

Einem Charakter oder Vaesen stehen in der Regel nur eine Reaktion je Runde zur Verfügung und das auch nur, wenn die schnelle Aktion nicht zur Bewegung genutzt wurde. Wehe ein Charakter bekommt es je mit zwei Gegnern zu tun. Der erste Schlag kann schon fatale Auswirkungen haben, was mir das Initiativesystem noch unsympathischer macht.

Schaden und Zustände

Schäden verursachen bei Charakteren und Vaesen Zustände. Physische Angriffe, körperliche Zustände, psychische Angriffe, geistige. Da jeder Charakter drei Zustände einstecken kann und danach gebrochen ist, sind Kämpfe offenkundig extrem schnell vorbei. Noch dazu, weil jeder Zustand den Würfelpool des Charakters um einen Würfel reduziert. So ergibt sich eine Abwärtsspirale: Mit einem Zustand werde ich leichter getroffen, was wiederum mehr Zustände zur Folge hat.

Bewertung

Natürlich gibt es noch ein paar Details und vor allem Sonderregeln für Vaesen, die ich hier nicht spoilern möchte, aber ich denke, es wird eines deutlich: Der Kampf sollte in Vaesen möglichst keine oder zumindest die allerletzte Option sein. Die Spielleiterinnen die ich bisher dazu befragt habe, schrieben mir, dass sie den Kampf eher als Spannungselement und für den Effekt der Szene einsetzen. Zu gewinnen ist da in der Regel nichts.

Warum biete ich dann im Spiel eigentlich ein Kampfsystem an? Um meinen Spielenden eine Illusion zu vermitteln? Weil es einfach dazu gehört? Ich könnte ja auch mal gegen Handlanger oder gewöhnliche Leute antreten!

Wirklich? Überzeugt mich nicht! Ein Kampf, in dem es um nichts geht, ist einfach nur eine Spielunterbrechung. Das könnte ich auch erzählerisch lösen. Es geht hier ja nicht darum, Ressourcen zu verbrauchen und damit die Spielenden zum Fortschreiten anzuhalten und unnötige Umwege zu vermeiden.

Ein Kampf, in dem es um dagegen um die Szene geht, den ich aber praktisch nicht gewinnen kann, könnte ich doch eigentlich auch erzählerisch lösen, oder? Das Kampfsystem ist hier meiner Meinung nach nur eine relativ komplexe Zufallstabelle: Wen erwischt es als erstes und wie? Eine Art Doomclock.

Ich denke, ich muss mir das im Spiel anschauen. Glücklicherweise komme ich diese Woche gleich in den Genuss von zwei Runden Vaesen bei erfahrenen Spielleiterinnen. Dazu werde ich das System mit anderen Ablegern der Yaer Zero Engine vergleichen, vor allem mit den Verbotenen Landen und Alien. Mal sehen, was ich danach davon halte.

Vaesen ist ein Spiel, dass sich um nordischen Horror dreht und auf den Werken des schwedischen Illustrators und Autors Johan Egerkrans basiert. Es wird im Original von Free League (Fria Ligan AB) herausgebracht und ist auf Deutsch beim Uhrwerk Verlag erhältlich.